Aus dem Wettbewerb für die neue Carolabrücke sind großteils gute Grundlagen für die weitere Planung hervorgegangen. Die derzeitigen Arbeitsstände zeigen aber noch nicht die Qualität, die ein Bauwerk mitten im Herzen Dresdens haben muss.
Zu begrüßen ist, dass alle vier Entwürfe Bögen über die Elbe spannen. Es zeigt sich deutlich, dass die Forderung der Initiative Carolabrücke nach Bögen richtig war und auch von Fachleuten geteilt wird.
Leider sind bei keinem der Entwürfe Merkmale wie Kanzeln, kleinteiliges Stahlfachwerk oder auskragende Pfeiler vereint. Auch andere traditionelle Charakteristika wie Sandstein oder Ornamentik sind nur vereinzelt eingestreut.
Bei Ingenieurbüro GRASSL gefallen besonders die großzügigen Kanzeln, welche aus den Pfeilern entwickelt werden. Der Entwurf von Leonhardt, Andrä und Partner profitiert vom kleinteiligen Stahlfachwerk in den Zwickeln. Bei FHECOR überzeugt der Rhytmus aus einem großen und mehreren kleineren Bögen.
Der Entwurf von FHECOR/TSSB bezieht seine Beliebtheit vor allem daraus, dass er die Pfeilerstandorte der historischen Carolabrücke von 1895 nutzt, also ein Pfeilerpaar mehr hat als die anderen Entwürfe, was schönere Bögen ermöglicht.
Dieses Team setzt sich damit über die strengen Vorgaben der Stadt hinweg. Im Sinne der Fairness gegenüber den anderen Wettbewerbsteilnehmern schlagen wir drei Optionen vor:
- FHECOR legt bis zum Beginn der Bürgerbeteiligung Visualisierungen vor, die der Ausschreibung entsprechen.
- Die Stadt Dresden erklärt, dass zusätzliche Pfeiler doch nicht genehmigungspflichtig sind und gibt den anderen Teilnehmern die Möglichkeit, ihren Entwürfen bis 12.06. ebenfalls Pfeiler hinzuzufügen.
- Der Entwurf von FHECOR wird vom Verfahren ausgeschlossen.
Im Gegensatz zu weiteren Pfeilern ist eine mäßige Verringerung der Hauptspannweite als Ersatzneubau genehmigungsfähig. Das hat das Rechtsgutachten ergeben. Daher fordert die Initiative eine Verringerung der gewaltigen Spannweite von zuletzt 120 Metern um weniger als 10%. Weniger Spannweite bedeutet geringere Kosten, mehr Stabilität und schönere Bögen.
Das größte Potenzial, mit kleinen Verbesserungen doch noch eine Dresden-typische Brücke zu erhalten, sieht die Initiative Carolabrücke im Entwurf des Ingenieurbüros GRASSL und gmp. Wir werden jedoch nur einen überarbeiteten Entwurf unterstützen bzw. jenes Team, das die 27.000 Stimmen für eine Gestaltung nach historischem Vorbild in der kommenden Detailplanung am deutlichsten berücksichtigen wird.
Wir fordern alle Entwurfsteams auf, sich Verbesserungsvorschlägen nicht zu verschließen. Begleitgremium und Stadtrat sollten ein Nachbessern verlangen und damit dem selbst formulierten Anspruch einer herausragenden Architektur gerecht werden.
Damit fachkundige Dresdner/innen die Möglichkeit haben, sich mit allen Einzelheiten schon vor Beginn der Bürgerbeteiligung fundiert auseinanderzusetzen, muss die Stadt jetzt alle Wettbewerbsunterlagen freigeben. Es gibt keinen Grund, die vollständigen Entwürfe noch länger als geheime Verschlusssache zu behandeln.
Anhang:
Die Handzeichnungen demonstrieren, mit welch geringen, rein gestalterischen Anpassungen aus der futuristischen Brücke von GRASSL/gmp eine klassisch-zurückhaltende Dresdner Brücke werden kann. Bildrechte Zeichnung: Initiative Carolabrücke, Visualisierung: Ingenieurbüro GRASSL und gmp.


